Nürnberg im Nationalsozialismus – Teil 8 – Die Nürnberger Prozesse

Anmerkung vorab:
Ich distanziere mich hiermit ausdrücklich von allen Personen, deren Gedankengut welches sie verbreitet haben, sowie sämtlichen (Verfassungsfeindlichen) Symbolen die auf den Fotos zu sehen sind. Da die Bilder in einem historischen Zusammenhang mit der Geschichte Nürnbergs stehen, ist eine Veröffentlichung gestattet (siehe auch Strafgesetzbuch § 86 Absatz 3).

Die Vorgeschichte der Nürnberger Prozesse

Die Prozesse gegen die Hauptverantwortlichen des NS-Regimes und die Folgeprozesse wurden erst möglich, nachdem Deutschland (Deutsches Reich) und 10 weitere Nationen (Australien, Großbritannien, Indien, Freie Republik Irland, Kanada, Neuseeland, Südafrika, Tschechoslowakei und USA) den Briand-Kellog-Pakt zur Ächtung von Angriffskriegen unterschrieben hatten (1928). Im August 1945 wurde von den Alliierten auf der Londoner Konferenz die Entscheidung getroffen den Internationalen Militärgerichtshofes in Nürnberg durchzuführen – vor allem aus infrastrukturellen Gründen.

Das Gefängnis – Luxus gibt es hier nicht

Bereits 1868 wurde das Gefängnis Aufgrund des günstigen Baulandes und der guten Infrastruktur ín Nürnberg errichtet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Konzept “Zellengefängnis” immer verbreiteter, auch in Nürnberg wurde dieses Konzept angewendet. Man erhoffte sich durch die völlige Isolation der Mithäftlinge eine Besserung im Verhalten der Insassen.

Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 war das Chaos in Deutschland enorm und die NS-Führung war entweder tot oder auf der Flucht. Adolf Hitler, Jospeh Goebbels und Heinrich Himmler begingen Selbstmord – sie konnte man nicht mehr vor Gericht stellen, die Alliierten machten sich nun auf die Suche nach weiteren hochrangigen Nationalsozialisten. Rudolf Heß befand sich seit Mai 1941 in britischer Gefangenschaft, Julius Streicher wurde zufällig von einem GI erkannt und verhaftet, Schirarch galt als tot – er stellte sich aber den Amerikanern in Wien, Göring (war nicht sehr diskret und reiste mit 17 LKW) geriet in amerikanische Gefangenschaft, von Papen wurde in einer Jagdhütte aufgespürt, Frank wurde in einem Lager entdeckt, Rosenberg versteckte sich in einem Lazarett, Seyß-Inquart wurde von der kanadischen Marine aufgebracht und von Ribbentrop wurde in Hamburg verhaftet. Martin Bormann blieb verschwunden, man machte ihm in Abwesenheit den Prozess.

Ab September 1945 wurden die Angeklagten aus Frankfurt/Main und dem Luxemburgischen Mondorf ins Zellengefängnis von Nürnberg überstellt und interniert. Man verweigerte ihnen Anfangs noch den Kontakt zu den Mitgefangenen, doch wurde dieser Beschluss nach wenigen Wochen wieder aufgehoben – dennoch litten sie unter den Haftbedingungen. Während die “NS-Elite” es gewohnt war selbst in größter Knappheit mit Lebensmitteln und anderer Mangelware fürstlich versorgt zu werden und in pompös eingerichteten Häusern/Villen zu leben, gab es im Gefängnis nur knapp bemessene Lebensmittelrationen und auch die Zelle war sehr spartanisch eingerichtet (Liege, Tisch und Stuhl). Am 25. Oktober 1945 erhängte sich Robert Ley nur wenige Wochen vor Prozessbeginn ein seiner Zelle.

Von diesem Zeitpunkt an wurden die Häftlinge 24 Stunden am Tag durch Soldaten der US-Armee überwacht und auch Nachts brannte in den Zellen das Licht.

Der Schwurgerichtssaal 600

Da Nürnberg in der amerikanischen Besatzungszone liegt, wurde der komplette Justizpalast 1945 kurzerhand beschlagnahmt und umgebaut. Die Umbaumaßnahmen betrafen hauptsächlich den Schwurgerichtssaal Nummer 600. Die aufwendigste Maßnahme war das einbauen von Zuschauertribünen und das herausbrechen der heutigen Rückwand um ausreichend Platz für die Presse zu schaffen.

Modell zum Umbau des Schwurgerichtssaals

Um Filmaufnahmen während des Prozesses machen zu können und aus Sicherheitsgründen mussten die Fenster im Schwurgerichtssaal verhängt werden und der große Kronleuchter musste Lichstrahlern weichen. Auf einem erhöhten Podest vor den Fenstern befand sich die Richterbank der Alliierten, ihnen gegenüber – auf der anderen Seite des Saales saßen die Angeklagten und ihre Anwälte und an der Stirnseite des Raumes war der Stuhl für den jeweiligen Zeugen der seine Aussage machte – heute befindet sich hier die Richterbank.

Die Gestaltung der Inneneinrichtung und Umbaupläne wurde dem zu damaligen Zeitpunkt 33 Jahre alten Architekten Dan Kiley aus Boston übertragen, nahezu alle Möbel die während des Gerichtsverfahrens genutzt wurden, stammen von ihm.

Die Angeklagten – 21 Täter vor Gericht

Stellvertretend für die Nationalsozialistische Führung:Anklagepunkte / Schuldig in den Punkten:Urteil:
Hermann Göring *Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe1-4 / 1-4Tod durch den Strang
Rudolf HeßStellvertreter Hitlers in der NSDAP (bis 1941)1-4 / 1, 2Lebenslange Haft (Suizid 1987)
Martin Bormann **Leiter der Parteikanzlei1, 3, 4 / 3, 4Tod durch den Strang
Joachim von RibbentropAußenminister1-4 / 1-4Tod durch den Strang
Robert Ley ***Reichsorganisationsleiter der NSDAP1, 3, 4 / ---
Franz von Papenehemaliger Reichskanzler (als "Wegbereiter" Hitlers)1-2 / ---Freispruch
Stellvertretend für das Oberkommando der Wehrmacht:
Wilhelm KeitelChef des Oberkommandos der Wehrmacht1-4 / 1-4Tod durch den Strang
Alfred JodlChef des Wehrmachtführungsstabes1-4 / 1-4Tod durch den Strang
Stellvertretend für das Reichssicherheitshauptamt:
Ernst KaltenbrunnerChef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes1, 3, 4 / 3, 4Tod durch den Strang
Stellvertretend für die Kriegswirtschaft:
Albert SpeerReichsminister für Munition und Bewaffnung1-4 / 1-420 Jahre Gefängnis
Fritz SauckelGeneralbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz1-4 / 3, 4Tod durch den Strang
Hjalmar SchachtReichsbankpräsident (bis 1939)1, 2 / ---Freispruch
Walther FunkReichsbankpräsident (1939 - 1945)1-4 / 2, 3, 4Lebenslange Haft (1957 begnadigt )
Gustav Krupp von Bohlen und HalbachUnternehmerKrankheitsbedingt Prozessunfähig
Stellvertretend für die Kriegsmarine:
Erich RaederGroßadmiral und Oberbefehlshaber bis 19431, 2, 3 / 1, 2, 3Lebenslange Haft (1955 begnadigt)
Karl DönitzGroßadmiral und Oberbefehlshaber von 1943 bis 19451, 2, 3 / 2, 310 Jahre Gefängnis
Stellvertretend für die Verbrechen in den (ehemals) besetzten Gebieten (insbesondere in Konzentrationslagern):
Hans FrankGeneralgouverneur in Polen1, 3, 4 / 3, 4Tod durch den Strang
Arthur Seyß-InquartReichskommissar in den Niederlanden1-4 / 2, 3, 4Tod durch den Strang
Alfred RosenbergReichsminister für die besetzten Ostgebiete1-4 / 1-4Tod durch den Strang
Konstantin von NeurathReichsprotektor für Böhmen und Mähren (bis 1943)1-4 / 1-415 Jahre Gefängnis (1954 begnadigt )
Wilhelm FrickReichsminister des Innern von 1933 bis 1943 und Reichsprotektor für Böhmen und Mähren von 1943 bis 19451-4 / 2, 3, 4Tod durch den Strang
Stellvertretend für die nationalsozialistische Propagandamaschinerie:
Julius StreicherHerausgeber des Hetzblattes "Der Stürmer"1, 4 / 4Tod durch den Strang
Hans FritzscheLeiter der Rundfunkabteilung im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda1, 3, 4 / ---Freispruch
Baldur von SchirachReichsjugendführer1, 4 / 420 Jahre Gefängnis

* Hermann Göring – Selbstmord durch Zyankali am 15.10.1946
** Martin Bormann – In Abwesenheit zum Tode verurteilt. Vermutlich am 02.05.1945 in Berlin umgekommen
*** Robert Ley – Selbstmord durch erhängen am 25.10.1945 in seiner Zelle

Das Tribunal und seine Anwälte, Richter und Ankläger

Die Alliierten eröffneten am 18. Oktober 1945 in Berlin (sowjetische Besatzungszone) das Hauptverfahren gegen die Hauptangeklagten im Nürnberger Prozess. Die Eröffnungssitzung hatte aber eher einen symbolischen Charakter, da die Amerikaner unter allen Umständen den Prozess in ihrer Besatzungszone durchführen wollten. Das Verfahren fand ab dem 20. November 1945 von nun an nur noch in Nürnberg statt. Alleine der Mitarbeiterstab der US-Delegation umfasste 2.000 Personen, etwa das doppelte der britischen Delegation. Von den sowjetischen Mitarbeitern hielten sich ca. nur ein knappes Dutzend in Nürnberg während der Prozesse auf – von den französischen waren es gar noch weniger.

Jede Siegermacht stellte je 2 Richter, von denen aber nur je einer tatsächliche Entscheidungsgewalt hatte. Für die USA waren dies Francis Beverley Biddle und John Johnston Parker, für die UdSSR Iona Timofejewitsch Nikittschenko und Alexander Woltschkow, für Großbritannien Geoffrey Lawrence und Norman Birkett sowie
Henri Donnedieu de Vabres und Robert Falco für Frankreich.

Für die Anklage stellte jede Siegermacht je einen Vertreter, Robert H. Jackson für die USA, Roman Andrejewitsch Rudenko für die UdSSR, Hartley Shawcross für Großbritannien und bis zu seinem Rücktritt François de Menthon für Frankreich, danach Auguste Champetier de Ribes.

Robert H. Jackson

Als Kronzeuge für die Anklage fungierte Generalmajor Erwin von Lahousen, langjähriger Leiter der Abteilung II des Amtes Ausland/Abwehr und zugleich einziger Überlebender Offizier dieser Abteilung. Die Mitarbeit von Lahousen kam auf seinen Wunsch zustande und unterstützte die Beweisführung mit seinem internen Wissen. Trotz seiner aufklärenden und helfenden Aussagen vor dem Kriegsverbrechertribunal, verblieb Erwin von Lahousen bis 1947 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft.

Das Verfahren

Der Prozess begann am 20. November 1945 und endete am 1. Oktober 1946. In diesem Zeitraum wurden 240 Zeugen gehört und über 300.000 Eidesstattliche Versicherungen zusammengetragen – alleine das Sitzungsprotokoll umfasst über 16.000 Seiten. Das Verfahren wurde nach dem amerikanischen Strafgesetz verhandelt – alle Angeklagten hatten nach Verlesung der Anklageschrift die Möglichkeit sich schuld oder nicht schuldig zu bekennen (alle bekannten sich nicht schuldig, Hermann Göring versuchte bei dieser Gelegenheit eine Erklärung abzugeben, wurde aber von den Richtern zur Ordnung gerufen).

Vervielfältigung von Schriftstücken

Die Nürnberger Prozesse galten zudem als Geburtsstunde des Modernen Simultandolmetschens – das bis dato übliche Konsekutivdolmetschen hätte den Prozess unnötig in die Länge gezogen. Die Firma IBM stellte den sogenannten “Speech Translator”, trotz seiner 20 Jahre und hin und wieder auftretenden technischen Störungen kostenlos zur Verfügung. Die Dolmetschern konnten Mittels des Apparates dem Sprecher über verschiedene farbige Lampen folgendes mitteilen: langsamer sprechen, deutlicher sprechen (wurde vor allem bei Fritz Sauckel angewandt), Passage wiederholen oder Rede unterbrechen.

Dolmetscher

Für die drei sogenannten “Arbeitssprachen” waren drei Teams à zwölf Dolmetscher im Einsatz die ohne Unterbrechung während des gesamten Prozesses für das Gericht, die Angeklagten, die Kläger sowie für Verteidiger und Zeugen arbeiteten.

Originalaufnahmen der Nürnberger Prozesse

Nach dem Ende des Hauptprozesses im Oktober 1946 begannen die Nachfolgeprozesse die bis April 1949 andauerten.

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